 |
An dieser Stelle schreibt Dipl.-Theol., Prakt.Phil. IGPP Thomas Gutknecht vom LOGOS-Institut für Praktische Philosophie seine regelmäßige Kolumne.
Kolumne August 2005:
Heimat im Weltkonzern?
Von der Reichweite unternehmensethischer Reflexionen
>> Download der Kolumne als pdf
Auszüge:
Paradoxerweise führte gerade die Trennung von Anfang und Ende im Handeln nun die Führenden in die Position der das Enden mit Kontrollen überziehenden Rolle, d.h. gerade die Ausrichtung auf die Führenden als vermeintliche Haupttäter wuchs zu einem Bedürfnis durchgehender Ergebniskontrolle an, wobei Ergebniskontrolle noch ein beschönigender Ausdruck ist. Kontrolle ist zum Fetisch geworden.
Ohne ein angemessenes ganzheitliches Verständnis von Handeln und ohne die Akzeptanz der Pluralität aller am Wirtschaftshandeln beteiligten Personen in ihrer für das Gelingen des Handelns gleichwertigen Bedeutung kann das Subsystem Wirtschaft keinen Beitrag zum Frieden und zum guten Leben leisten. Die Akteure des Wirtschaftslebens sind so wenig Befehlsempfänger wie Humankapital, aber auch keine Heuschrecken oder Hasardeure.
Im Zeitalter der Globalisierung lösen sich die geografisch identifizierbaren Gemeinschaften zusehends auf. Was bleibt sind Arbeitsgemeinschaften in den Unternehmen und die gesamtwirtschaftlichen Lebensbedingungen. Die früheren ethosbestimmenden Kulturen regionaler Art erfahren eine Transformation in den künftig und teils heute schon weltweit agierenden Unternehmen. Nur die dort ausgebildeten Kulturen sind meines Erachtens zukunftsfähig in dem Sinn, dass sie künftig der Ort der Ethosbildung sein werden.
Eine Ethik können wir heute nicht mehr an einem bestimmten religiösen Glauben festmachen.
Die globalen Lebenszusammenhänge für die eine Menschheit aber stiften nun einmal die Protagonisten der Globalisierung, ob man das zugestehen möchte oder nicht. Man kann die Global Players verteufeln, aber die Entwicklung zur einen Wirtschaftswelt und damit zur Ökonomie der einen Menschheitsfamilie ist unumkehrbar. Daher sollten gerade die gutmeinenden Menschen erkennen, welche ethische Schlüsselrolle die Global Players haben.
Schon jetzt blitzt immer wieder auf, dass allein der Mensch der wesentliche Faktor auch im ökonomischen Zusammenhang sein kann. Schon heute zeigt sich, wer kulturelle Differenzen anerkennen kann, hat Wettbewerbsvorteile. Schon jetzt erweist sich das Denken von der Position der Kunden und Mitbewerber her, das Einfühlen als humane Verstehensmöglichkeit (Fremdverstehen und Bildung), als ein Kostenfaktor ersten Ranges, der die gebildeten Unternehmen begünstigt.
Wer beim Changemanagement vernünftige Wege zu gehen vermag, tut dies in aller Regel im Respekt vor der Eigenlogik untergeordneter Einheiten. Wer das Prinzip der Subsidiarität vertritt, stiftet Mehrwert und indirekt einen Freiheitszuwachs.
Unternehmerpersönlichkeiten dürfte ohne weiteres einleuchten, dass die Kultur in den Unternehmen, die dem Bauplan der Krone der Schöpfung, dem Menschen gemäß und am Menschlichen entlang entwickelt werden, werden dem Menschen also am nächsten kommen, nicht nur wie von einem allgemeinen Verantwortungsgefühl gefordert, sondern auch von der Logik und Rationalität der Ökonomie selbst.
Die Refinanzierung der Investitionen in die Humanitates, in Bildung, in eine von Achtsamkeit und Wertschätzung geprägte Unternehmenskultur, in die Zuverlässigkeit und das Vertrauen nach innen wie nach außen, in das Setzen von Standards der Fairness oder die Selbstverpflichtung der Führungspersönlichkeiten auf mehr als bloßen Anstand - all dies geschieht nach dem Prinzip vom sterbenden Weizenkorn, das hundertfache Frucht bringt!
Nirgendwo sonst werden heute Menschen so geprägt wie im Kontext ihrer Arbeitswelt. Und dies strahlt auch weit hinein in die Gesellschaft mit dem zunehmend größer werdenden Anteil derer, die nicht unmittelbar an der Erwerbsarbeit und Wertschöpfung im engeren Sinn beteiligt werden (können).
Weder Priester oder Lehrer, noch Politiker oder Star-Ikonen werden in der Lage sein, durch Wort und Vorbildfunktion das zu kompensieren, was Unternehmenskulturen in Schieflagen anrichten und zwangsläufig in Umlauf bringen, wodurch das Ganze der menschlichen Verhältnisse gefährdet wird. Aber umgekehrt gilt eben auch: wo die ganz elementaren Interessen von Menschen in menschlicher Weise verfolgt werden können und miteinander organisiert werden, wird nicht nur Effektivität die Folge sein, sondern bald auch eine Stabilisierung der Menschen selbst, ja wird mithin sogar der Friede befördert.
Was gilt es zu lernen? Schiller empfiehlt nicht mehr und nicht weniger, als dass wir den Mut finden, über die für Controller so mächtigen nackten Zahlen (hardfacts) hinweg uns die Freiheit zu nehmen, in den Unternehmen ganze Menschen zu sein.
Menschen, die bloß als Bedürfniswesen angesehen werden, werden ihrer Würde beraubt und schließlich ihrer Leistungsfähigkeit beraubt
Was dies mit der Ethik, speziell mit der Unternehmensethik zu tun hat, dürfte auf der Hand liegen: In Einheit mit dem Ausbau einer Konsumentenethik kann der Mensch in Unternehmenskulturen (die wie gezeigt die Basis für das Ethos aller darstellen) zu seiner Ganzheit finden (etwa in der Work-Life-Balance, in der er wechselnd die Rolle des Produzenten und Konsumenten ausübt). Dafür Raum zu schaffen liegt im Bereich der Führungsverantwortlichen, soweit sie auf die Unternehmenskultur Einfluss haben. Es geht also nicht nur um Anstand oder Fairnesss. Das Ethische ist nicht so sehr das Vordergründige.
Verantwortung basiert auf einem Interesse am Wohlergehen von Menschen, die dann bereit sind, alles zu geben, wenn sie hoffen dürfen, sich im anderen wieder zu finden, sei dies ein Werk, seien dies Freunde. Den Boden dafür können nur Unternehmen mit ihren Arbeitsbedingungen und kann nur eine erst noch zu entwickelnde Kultur der weltweiten Arbeits- und Geschäftsformen darstellen.
Und gerade in das Arbeitsleben muss die andere Seite des Menschlichen mit eingehen können: das Musische. Das Gute lebt von der Freude der Menschen. Daher verlangt Dienst am Menschen, ihnen aufzuzeigen, woran zu freuen sich lohnt, was ihre Freude vollkommen macht. Gerade unternehmensethisch kann, da Unternehmen die primären Lernorten für den künftigen Menschen darstellen, der Menschen niemals nur als Wirtschaftssubjekt angesehen werden!
|
 |